Foto: Michael Bär
Einige Monate war die Corpus-Christi-Kapelle an der Stiege vom Rindermarkt zur Pauluskirche wegen Renovierung geschlossen. Die Kirchenrestaurierungsfirma Kallinger aus Vilshofen hat Feuchtigkeitsschäden an den Wänden und am Stuck beseitigt.
Gerne gehen die Besucher von Sankt Paul in diese Kapelle, die zusammen mit der Pfarrkirche nach dem Stadtbrand von 1662 neu gebaut wurde, um dort vor der beeindruckenden Erbärmde-Christus-Figur eine Kerze anzuzünden und zu beten. Die Figur ist dem gegeißelten Heiland auf der Wies, dem Gnadenbild der Wieskirche in Steingaden nachempfunden.
Das bedeutendste Kunstwerk in der Kapelle stellt jedoch der sogenannte Renaissance-Altar dar. Bei der großen Renovierung von Sankt Paul 1910 ist wohl ein Renaissance-Relief in einen neubarocken, marmornen Altarrahmen eingefügt und in der Kapelle aufgestellt worden. Dr. Irmhild Heckmann vermutet in ihrem Artikel im neuen Herbst-Pfarrbrief des Altstadtpfarrverbandes, dass das helle Kalksteinrelief ursprünglich Teil eines Epitaphs, eines Grabsteins gewesen ist. Aufgrund der Darstellung und der zahlreichen biblischen Zitate auf dem Relief handelte es sich wohl um ein protestantisches Bekenntnis-Epitaph aus der Zeit des Passauer Fürstbischofs Urban von Trennbach (1525 – 1598, Fürstbischof ab 1561). Dieser war ein eifriger Anhänger der Gegenreformation und rief hierzu im Jahr 1564 die Franziskaner nach Passau, die ihr Kloster am Eingang des Neumarktes erbauten und die Seelsorge in der Stadt maßgeblich beeinflussten. Trotzdem besaß die lutherische Konfession für Jahrzehnte eine große Anziehungskraft in Stadt und Bistum. Dem Passauer ähnliche Bekenntnis-Epitaphe finden sich beispielsweise in Grieskirchen, Hörsching, Eferding, Schärding, Wels und Obernberg. Vorbild für die Gestaltung bildet die sog. Prager Tafel mit dem Titel „Gesetz und Gnade“ von Lukas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1529. Sie befindet sich in der Prager Nationalgalerie.
Die Kirchenverwaltung von Sankt Paul mit Pfarrer Dr. Michael Bär und Kirchenpfleger Dr. Fritz Audebert ist froh und dankbar, den Gläubigen die Corpus-Christi-Kapelle als Ort zum Innehalten für Gebet und Meditation in neuer Frische wieder öffnen zu können.
Text: Michael Bär



